Policy Note 60: Österreich mit rückläufiger Wettbewerbsfähigkeit
Policy Note 60: Österreich mit rückläufiger Wettbewerbsfähigkeit
Mag. Nikolaus Graf
Leiter des Forschungsbereichs Wettbewerbsfähigkeit
Die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Volkswirtschaft entwickelt sich zunehmend negativ. Wie der aktuelle EcoAustria Competitiveness Index (ECI) für das vierte Quartal 2024 zeigt, hat sich die bis etwa 2022 feststellbare Phase der Stagnation in den Jahren 2023 und 2024 zu einer Phase mit rückläufiger Tendenz verfestigt. Besonders kritisch fällt dabei ins Gewicht, dass sich Österreich auch im gesamteuropäischen Vergleich schlechter entwickelt – und damit nicht nur relativ zu wirtschaftlich weniger entwickelten und „aufholenden“ Ländern wie Griechenland oder den baltischen Staaten, sondern auch im Vergleich zum gesamteuropäischen Durchschnitt.
Zudem zeigt sich mit einem aktuellen Indexwert von 102 der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit nicht nur relativ zu anderen Wirtschaftsräumen, sondern auch in absoluten Indexwerten. Zum Vergleich: Es lag der Indexwert noch im vierten Quartal 2022 – also nur zwei Jahre vor der aktuellen Betrachtung – bei 104,3. Die Entwicklung ist somit nicht nur ein Spiegel der gegebenen globalen Rahmenbedingungen, sondern auch Ausdruck eigener Schwächen. Österreich liegt mit seinem aktuellen Indexwert nur mehr knapp über dem Ausgangswert von 2017 und im europäischen Vergleich eindeutig in der unteren Hälfte eines insgesamt eher stagnierenden europäischen Wettbewerbsumfeldes. Mit dem aktuellen Indexwert vom vierten Quartal 2024 rangiert Österreich auf Rang 23 unter 30 europäischen Vergleichsökonomien. Das sind die Mitgliedsländer der EU27, Norwegen sowie die gebündelten Wirtschaftsräume für die EU27 und für den Euroraum.
Methodisch-konzeptionell misst der ECI die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Vergleich und stützt sich dabei auf drei zentrale Indikatoren: Bruttoanlageinvestitionen, Nettoexporte und reale Arbeitsproduktivität. In allen drei Bereichen zeigen die Daten des aktuellen ECI für Österreich ein negatives Bild:
- Über den gesamten Betrachtungszeitraum seit 2017 stagnieren die Bruttoanlageinvestitionen. Der Indexwert liegt aktuell 103 und liegt nur knapp über dem Ausgangsniveau von 2017. Die Entwicklung am aktuellen Rand ist seit Anfang 2022 eindeutig rückläufig. Der Rückgang spiegelt die Verunsicherung sowie pessimistische Rentabilitätserwartungen unter Unternehmen und Investoren wider.
- Auch die Entwicklung der Nettoexporte war zuletzt eindeutig negativ. Zwar konnten Nettoexporte gemessen am BIP zu Beginn des Jahreswechsels 2023/2024 kurzzeitig das Niveau vor 2020 übertreffen, danach zeigt sich im Verlauf des Jahres eine klare Trendumkehr. Während rückläufige Außenhandelsvolumina generell auf eine globale wirtschaftliche Eintrübung hindeuten, deutet die negative Entwicklung der Nettoexporte darüber hinaus auf strukturelle Herausforderungen der österreichischen Exportwirtschaft hin. Wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen verlieren an Sichtbarkeit und Marktdurchdringung auf den internationalen Märkten.
- Seit 2023 entwickelt sich die reale Arbeitsproduktivität als Problemfeld. Nachdem Österreich während der COVID-Pandemie noch vergleichsweise gut abgeschnitten hatte, liegt die Produktivität mit einem Indexwert von 103,4 im vierten Quartal 2024 inzwischen nur mehr knapp über dem Niveau von Anfang 2017. Die Produktivitätsentwicklung ist ab 2022 zum Erliegen gekommen und zuletzt sogar deutlich rückläufig. Maßgeblich ist insbesondere die schwache Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Wirtschaftsleistung. Für die nähere Zukunft könnte sich der im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Anstieg der Lohnstückkosten als Hemmnis einer positiven Trendumkehr auswirken.
Die Analyse zeigt, dass die österreichische Wirtschaft zunehmend an Substanz verliert. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sind wirtschaftspolitische Maßnahmen notwendig, die gezielt auf Investitionsförderung, Produktivitätssteigerung und internationale Wettbewerbsfähigkeit abzielen. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheiten und globaler Herausforderungen sowie auch steigenden Wettbewerbsdrucks kann sich Österreich Selbstzufriedenheit nicht leisten, da sonst volkswirtschaftlich Wohlstand verloren gehen wird. Die Ergebnisse des ECI unterstreichen, dass Österreich sich nicht auf historischen Stärken ausruhen kann. Strukturelle Reformen und klare wirtschaftspolitische Impulse sind notwendig, um den Abwärtstrend zu stoppen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nachhaltig zu sichern.