Weiterer Ausbau der Elementarpädagogik notwendig

Statement von EcoAustria-Direktorin Monika Köppl-Turyna im Rahmen eines Experten-Hearings im Familienausschuss des Nationalrats am 2. Juni 2021:

Die so genannten Barcelona-Ziele der Europäischen Union sehen einen massiven Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder bis zum Schulpflichtalter vor. Während Elementarpädagogikplätze für Kinder zwischen 3 und 5 Jahren in Österreich aufgrund von Investitionen in den letzten Jahren ausreichend vorhanden sind, ist das bei der Betreuung der Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren nicht der Fall. So wurden im Jahr 2019 in Österreich knapp 23 Prozent der Kinder im Alter bis 3 Jahren in formeller Betreuung untergebracht (Voll- und Teilzeit). Dies liegt 10 Prozentpunkte unter dem Barcelona-Ziel. In Dänemark waren es 66 Prozent, in den Niederlanden 65 Prozent. Der Durchschnitt der 27 EU-Länder liegt inzwischen mit 35 Prozent auch über der Marke des Barcelona-Ziels und deutlich über dem Wert für Österreich.

Insbesondere bei der Betreuung von Kleinkindern im Ausmaß von 30 Stunden oder mehr belegt Österreich der letzten Ränge. Mit einer Quote von 8 Prozent liegt Österreich deutlich unter dem EU-Schnitt von 21 Prozent und den Spitzenreitern Dänemark oder Portugal, wo mehr als die Hälfte der Kleinkinder Vollzeit betreut werden. Gleichzeitig hat Österreich mit 47,1 Prozent die zweithöchste Rate der Teilzeitbeschäftigung von Frauen in der Europäischen Union, was in erster Linie auf die Mütter zurückzuführen ist. Laut einer Erhebung der Europäischen Kommission geben 57 Prozent der österreichischen Mütter von Kindern im Vorschulalter, die als Grund für ihre Teilzeitbeschäftigung die Betreuungspflicht angeben, „keine Verfügbarkeit eines entsprechenden Platzes“ als Hauptursache dafür an, dass sie nicht Vollzeit arbeiten.

Eine überwiegende Mehrheit der Literatur findet einen signifikant positiven Einfluss des Ausbaus der Elementarpädagogikeinrichtungen und der Arbeitsmarktbeteiligung der Mütter. Besonders hohe Effekte wurden im ländlichen Raum gefunden bzw. in den Ländern oder bei ethnischen Gruppen, die traditionell eine niedrigere Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen aufweisen. Es gibt konsistente Belege dafür, dass der Ausbau der Kinderbetreuung vor allem den Frauen mit niedrigerer und mittlerer Qualifikation zugutekommt. Alleinerzieherinnen profitieren vor allem wenn die formale Kinderbetreuung durch hohe Erschwinglichkeit charakterisiert ist oder mit zusätzlicher Unterstützung zustande kommt.

Die vorhandene Literatur findet darüber hinaus vorwiegend positive Effekte auf die Kinder, sowohl in der kurzen als auch in der langen Frist. In der kurzen Frist erhöht die Einführung von Elementarpädagogikstätten die „Investitionen“ in die Kinder sowie in deren Entwicklung, insbesondere durch mehr Aktivitäten zu Hause wie etwa Lesen. Das hat positive Auswirkungen auf Lernerfolge in der Betreuung und später in der Schule. Darüber hinaus zeigen sich weitere positive, soziale Effekte wie eine bessere Gesundheit und Ernährung der Kinder sowie weniger Fälle von Misshandlung. In der langen Frist kann eine bessere Partizipation am Arbeitsmarkt beobachtet werden, eine niedrigere Abhängigkeit von Sozialhilfe, sowie eine höhere Bildungsmobilität und niedrigere Ungleichheit. Auch positive Effekte auf deren Gesundheit und eine niedrigere Kriminalitätsrate gehen in der langen Frist mit einem hohen Maß an Kinderbetreuung einher. Laut den neusten Berechnungen von James Heckman, die kürzlich veröffentlicht wurden, strecken sich diese positiven Effekte sogar über weitere Generationen und lassen sich bei den Kindern der betreuten Kinder beobachten.

Zu den Voraussetzungen der oben genannten positiven Ergebnisse zählt etwa, dass Kinderbetreuung auch benachteiligte Kinder erreichen muss. Besonders hohe Effekte zeigt die Literatur dementsprechend, wenn die Subventionen vor allem benachteiligte Familien erreichen (wie Head Start in den USA) und nicht undifferenziert ausbezahlt werden. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Nutzung der formalen Kinderbetreuung durch Kleinkinder sozial stratifiziert ist, sodass gerade einkommensschwache oder gering qualifizierte Eltern ihre Kinder seltener in formale Kinderbetreuungsdienste einschreiben als besser gestellte Familien. Zu den wichtigsten Kriterien für den Erfolg der Kinderbetreuung zählen: Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Erschwinglichkeit, Qualität und Flexibilität. Gerade beim letzten Punkt – insbesondere bezüglich der Öffnungszeiten – offenbart sich in Österreich ein großer Aufholbedarf. Nur ein Viertel aller Einrichtungen in Österreich erfüllt die sogenannten VIF-Kriterien, zu denen auch längere Öffnungsstunden gehören. In Oberösterreich sind es sogar nur 19 Prozent. Auch die sogenannte „Ganztagsbetreuung“, die ein Betreuungsausmaß von nur 6 Stunden am Tag vorsieht, erfüllen in Tirol und Vorarlberg gerade die Hälfte der Einrichtungen. Es zeigt sich im Bundesländervergleich auch eine sehr starke Korrelation zwischen dem Anteil an Müttern mit Vollzeitbeschäftigung und der Länge der Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass trotz der Erfolge der letzten Jahre Österreich bei der Verfügbarkeit von Elementarpädagogikeinrichtungen unterdurchschnittlich gut entwickelt bleibt, und insbesondere deutlich schwächer aufgestellt ist als vergleichbare Länder wie Dänemark, Niederlande oder Frankreich. Es benötigt weitere Investitionen, vor allem in den Ausbau der Öffnungsstunden und die Erschwinglichkeit für benachteiligte Familien, um das volle Potenzial zu entfalten.